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Poka Yoke: Design leicht gemacht

von Johannes

Ich gebe zu: Japanisches Design fasziniert mich immer wieder. Warum? Weil es beides kann: Jung, bunt, spielerisch genauso wie vergänglich, klar, zurückhaltend. Und immer steht der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt. Das Videospiel für Kinder ist süß und sympathisch, der Kleinwagen für die Familie durchdacht und praktisch, die Digitalkamera für den Fotoliebhaber technisch und funktional, die Teekanne für den Genießer rustikal und natürlich.

Oft werden bei japanischen Produkten ganz andere Lösungen gefunden wie im Westen, die aber genauso Sinn ergeben – und nicht selten sogar besser sind. Die Formel, so denke ich, lässt sich folgendermaßen beschreiben: Reduktion so weit, dass die jeweilige Zielgruppe nicht überfordert wird und dass es ihr gleichzeitig Freude macht, die Produkte zu nutzen. Kein Wunder also, dass “Poka Yoke” aus Japan kommt.

Was das ist? Poka Yoke ist ein Konzept zur Qualitätssicherung, das darauf abzielt, Fehler zu vermeiden bevor sie entstehen können. Grob gesagt entspricht es dem Schlüssel-Schloss-Prinzip: Einzelne Bauteile sind z.B. so geformt, dass sie nur in der korrekten Ausrichtung passen. So können sie erst gar nicht falsch eingebaut werden. Ursprünglich stammt der Ansatz aus der Automobilproduktion der 1980er Jahre. Seine Anwendung wurde aber immer weiter ausgedehnt – überall dorthin, wo Nutzer ins Spiel kommen. Wie kann ein Produkt falsch verwendet werden? Wie kann es “idiotensicher” (“Baka Yoke”, ursprünglich hieß das Konzept so) oder, freundlicher ausgedrückt, “schusselsicher” (“Poka Yoke”) konstruiert werden?

Poka Yoke: Negativ-Beispiel

Mein “Lieblingsbeispiel” für ein nerviges Design ist der USB-Stecker-Standard. Er folgt zwar dem ursprünglichen Gedanken von Poka Yoke dahingehend, dass ein USB-Gerät nicht verkehrt herum angeschlossen werden kann. Allerdings ist die richtige Richtung kaum ersichtlich. So kommt es, dass man USB-Sticks immer mindestens zwei Mal umdrehen muss, bevor sie passen. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl verwandter USB-Standards (1.0, 2.0, 3.0) und Steckerformen, die für Verwirrung sorgen. Und das, obwohl die Abkürzung doch eigentlich für “Universal Serial Bus” steht!

Poka Yoke: Positiv-Beispiele

Auf radikale Art und Weise Fehlerquellen vermieden werden dagegen bei vielen japanischen Alltagsprodukten. Zum einen gibt es viele Artikel, die über Jahrhunderte in zahlreichen Iterationen immer weiter verbessert wurden, bis sie ihre Aufgabe perfekt erfüllen. Beispiel: Teekannen aus Gusseisen von Iwachu. Mit dem perfekt ausbalancierten Henkel kann das Ausschenken nicht mehr schief gehen. Zum anderen gibt es moderne Produkte, die mit innovativen Ideen begeistern. Beispiel: Wasara Bambusbesteck mit einer kleinen Einkerbung. Messer, Gaben und Löffel werden so einfach am Teller befestigt und können nicht mehr runterfallen. Keine Schusseligkeit mehr möglich. Man merkt: Da hat jemand mitgedacht. Diese Produkte konzentrieren sich auf das Wesentliche, genau auf den Zweck, für den sie gedacht sind. Mit jeder unnötigen Ablenkung weniger werden mögliche Fehler vermieden.

Fazit

Einfache Handhabung hat viel mit Fehlervermeidung zu tun. Gute Produktgestaltung muss selbsterklärend sein, das Produkt brauchbar und verständlich machen. Anstelle von Funktions-Überfrachtung, die Unsicherheit generiert, lieber wenige oder eine durchdachte Funktion, die Anwender problemlos nutzen können. Frustrationsquellen sollten per se ausgeschlossen werden. Denn, so lehrt uns die japanische Design-Philosophie, die “Schusseligkeit” des Nutzers ist je nach Kontext unterschiedlich und lässt sich nur schwer über einen Kamm scheren.

Zusammengefasst: Design muss nützlich sein und Freude bereiten, schließlich verbringen wir unsere Lebenszeit mit den Produkten. Das Leben ist zu kurz, um USB-Sticks sicher zu entfernen. Aber definitiv lange genug, um in Ruhe einen japanischen Tee zu genießen.