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Wabi-Sabi: Die japanische Ästhetiklehre

von Johannes

Ich hatte das Glück, meinen Zivildienst an einem der schönsten Orte der Welt leisten zu dürfen: In Kyoto, der ehemaligen Kaiserstadt im Westen Japans. In einem christlichen Begegnungszentrum habe ich dort ein Jahr lang bei der Haus- und Gartenarbeit mitgeholfen. Das hat immer sehr viel Spaß gemacht – bis auf eine Sache: Eine meiner täglichen Aufgaben bestand darin, den weitläufigen Hof der Anlage zu fegen. Auch im Herbst bei stürmischem Wind wurde ich mit meinem alten Strohbesen in den dicht bewaldeten Garten geschickt. Nach Stunden des Fegens sah der Boden in diesen Monaten aus wie davor. Das ständig fallende Laub war stärker als ich. Die Sinnlosigkeit dieser Aufgabe hat mich damals beinahe zum Schreien gebracht.

Durch Zufall bin ich nun vor einer Woche auf ein kleines Buch gestoßen. Es entpuppte sich das sich als das Standardwerk für Wabi-Sabi, dem traditionellen Schönheitskonzept Japans: “Wabi-Sabi for Artists, Designers, Poets & Philosophers” von Leonard Koren. In dem Buch wird über Sen no Rikyu berichtet, einem der geistigen Väter des Wabi-Sabi. Eine Anekdote, die in vielen Varianten über ihn erzählt wird, geht ungefähr so:

Der Zen-Mönch Sen no Rikyu wollte Cha-Dō, den Weg des Tees, erlernen. Deshalb suchte er den berühmten Teemeister Takeno Jōō auf. Um ihn zu testen, befahl der Meister dem jungen Rikyu, den Garten zu säubern. Ohne zu zögern machte sich Rikyu an die Arbeit. Er rechte und fegte den Garten so lange, bis perfekte Ordnung herrschte. Als er fertig war, hielt Rikyu inne und betrachtete sein Werk. Dann schüttelte er den Kirschbaum, sodass sich dessen Blütenblätter überall auf dem Boden verteilten. Als Teemeister Jōō das sah, nahm er Rikyu in seine Schule auf.

Oha. Das erklärt wohl einiges. Erstens offenbart diese Geschichte den zentralen Inhalt von Wabi-Sabi: Unvollkommenheit. Dabei hat diese Unvollkommenheit sowohl eine dingliche als auch eine zeitliche Dimension. “Wabi” bedeutet so viel wie “Einsamkeit”, “Bescheidenheit” oder “Natürlichkeit”. “Sabi” lässt sich mit Begriffen wie “Alter” oder “verwelken” übersetzen. Zusammen beschreiben die Worte eine “herbe Schlichtheit”, wie sie etwa bei einer knorrigen Kiefer, einem bemoosten Felsen oder einem einfachen Tongefäß zu finden sind. Wabi-Sabi ist ein Gefühl von Schönheit, das den Betrachter in Form einer wärmenden Melancholie erschleicht…

Ach, und zweitens zeigt die eingangs erwähnte Erzählung, dass ich wohl kein geeigneter Kandidat für Meister Jōōs Teeschule gewesen wäre. Je mehr ich aber heute darüber nachdenke, desto eher meine ich, dass mein Fegen früher doch einen Sinn hatte. Ich erinnere mich zurück an den bunten Herbstgarten, an das Rascheln der Blätter, an den Duft des Waldes, an die Gesichter meiner japanischen Kollegen.

Vielleicht ist ja gerade das Wabi-Sabi.